von Michael Lünstroth, 21.01.2019

Wo die sozialen Medien versagt haben

Wo die sozialen Medien versagt haben
Unübersichtliches Durcheinander: Twitter, Facebook und Instagram haben dabei geholfen, die Massstäbe für Wahrheit zu verschieben. Das ist ein Problem. | © Michael Lünstroth

Die sozialen Medien wollten die üblichen Wege der Massenkommunikation eigentlich auf den Kopf stellen. Heute funktionieren sie längst so, wie die, die sie mal ablösen wollten. Warum das ein Problem für die Gesellschaft ist.

Lange Zeit war die Beziehung zwischen Medien und Publikum ziemlich klar geregelt. Es gab einen Sender von Inhalten (die Medien) und es gab viele Empfänger (das Publikum). Dazwischen passierte nicht viel. Das Internet und insbesondre die sozialen Medien waren angetreten, dieses one-to-many-Kommunikationsmodell zu revolutionieren. Es sollte nicht mehr nur einen Sender geben, jeder sollte zum Sender werden könnte. Aus one-to-many sollte many-to-many werden. Davon versprach man sich eine Demokratisierung medialer Kommunikationswege. Was man damals nicht sah, waren die Gefahren, die in dieser Umwälzung liegen: Propaganda lässt sich unter dem Deckmantel der Authentizität und Unmittelbarkeit auf diese Weise viel leichter an die Leute bringen.

Diese Entwicklung vollzog sich in zwei Schritten: In den Anfängen der sozialen Medien schien der Traum der gleichberechtigten many-to-many-Kommunikation wahr zu werden. Durch Seiten wie Facebook, Twitter oder Instagram waren plötzlich weltweit Menschen verbunden und konnten BIlder, Gefühle, Informationen austauschen. Und tatsächlich ist das ja eine der grössten gesellschaftlichen Leistungen dieser sozialen Medien: Dass sie einem ermöglichen mit Menschen in Kontakt zu treten, die man sonst nie im Leben getroffen hätte und mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die man ohne Facebook & Co. aus den Augen verloren hätte.

Donald Trump hat 57,4 Millionen Follower, er selbst folgt 45 Accounts 

Mit dem Erfolg wandelte sich das Modell aber nach und nach. Es entstand eine ganze Industrie, die es darauf abgesehen hatte, die neuen Möglichkeiten im Netz für ihre Zwecke zu nutzen. Leuchtturm-Accounts bildeten sich, die zwar ein grosses Publikum banden, aber selbst kaum empfingen. Beispiele dafür gibt es genug: Der US-Präsident Donald Trump hat 57,4 Millionen Follower auf Twitter. Er selbst folgt exakt 45 anderen Accounts. Der Sängerin Katy Perry führt den beliebtesten Twitter-Account weltweit: Ihr folgen 107 Millionen Fans auf Twitter, sie selbst folgt 215 anderen Twitterern. Das Videoportal YouTube ist das erfolgreichste Unternehmen auf Twitter: Ihm folgen 71 Millionen Menschen, YouTube folgt selbst rund 1000 anderen Accounts. Das zeigt: Der Traum von der gleichberechtigten many-to-many-Kommunikation ist längst vorbei. 

Die grossen Accounts haben sich ihre eigenen Öffentlichkeit geschaffen, in die sie ihre Botschaften ungefiltert senden können. Zwar gibt es auf Twitter & Co. andere Rückkopplungsmöglichkeiten als im alten Massenmedien-System. Im Prinzip kann zwar jeder den US-Präsidenten, Katy Perry oder YouTube über Twitter erreichen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man dort wirklich gehört wird, geht bei den grossen Accounts doch eher gegen Null. Die Sende-Richtung geht heute klar wieder von einem zu vielen. Während die herkömmlichen Massenmedien wie Zeitungen, Magazine, Fernsehen und Radio ums Überleben kämpfen, haben sich längst neue Massenmedien heraus gebildet: Weltweit strahlende Marken und Namen, die ihr Publikum nun auch ohne eine korrigierende Zwischeninstanz namens Journalismus erreichen. 

Wer Lügen als alternative Fakten verkauft, ist ein Scharlatan

Dass das ein Problem für die ganze Gesellschaft ist, kann man in den USA und in Brasilien beobachten. Aber so weit muss man gar nicht gehen. Es ist für alle Gesellschaften ein Problem, wenn klar interessengeleitete Kommunikation als authentisch und ehrlich wahrgenommen wird. Es ist ein Problem, wenn Lügen als alternative Fakten verkauft werden. Und ja, es ist ein Problem, wenn wir nicht mehr zwischen dem Sender einer Botschaft und dem Inhalt einer Botschaft unterscheiden können. Mit anderen Worten: Selbst wenn man Donald Trump gut findet, sollte man nicht jeden Scheiss glauben, den er twittert. 

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