von Michael Lünstroth, 28.11.2019

Nächste Ausfahrt: Rom

Nächste Ausfahrt: Rom
War vier Jahre lang Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, auf Ende Jahr wechselt Gioia Dal Molin nach Rom. | © Sascha Erni

Vier Jahre lang war Gioia Dal Molin Beauftragte der Kulturstiftung. Mit gutem Blick für spannende Kunst hat sie das Profil der Stiftung vor allem in der Bildenden Kunst geschärft. Nicht immer zur Freude aller Künstler.

Das grosse D war ihr immer wichtig. Wann immer wir eine Geschichte über Gioia Dal Molin bei uns publizierten und das d in ihrem Namen klein schrieben, meldete sie sich zuverlässig. Sie würde gerne ein paar grosse D spenden, erklärte sie dann zum Beispiel mit einem hörbaren Lächeln in der Stimme. Ein bisschen spöttisch, ein bisschen frotzelnd, aber nie schnippisch. Es zeigt ein bisschen, wie Gioia Dal Molin ihre Aufgabe als Beauftragte der Kulturstiftung interpretierte: Mit einem gesunden Selbstbewusstsein, das aber immer auch noch Platz liess für ein sympathisches Mass an Ironie.

Nach vier Jahren verlässt die 38-Jährige auf Ende Jahr die Kulturstiftung des Kantons und zügelt nach Rom um: Sie übernimmt dort die künstlerische Leitung des Istituto Svizzero. „Die vier Jahre bei der Kulturstiftung waren eine gute Zeit für mich. Ich konnte viel ausprobieren, viel lernen und Sachen aufbauen. Aber jetzt freue ich mich auch auf meine neue Aufgabe in Rom. Mein Ziel dort ist es, ein anspruchsvolles, diverses Ausstellungsprogramm auf die Beine zu stellen“, sagt Dal Molin im Gespräch mit thurgaukultur.ch 

„Die Szene im Thurgau ist viel vielfältiger als ich es vermutet hatte.“

Gioia Dal Molin, scheidende Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau (Bild: Sascha Erni)

Fragt man die Kunstwissenschaftlerin danach, was ihr aus ihrer Thurgauer Zeit in Erinnerung bleiben wird, dann antwortet sie sehr spontan: „Ich konnte hier mit tollen Leuten zusammenarbeiten. So beispielsweise auch jetzt wieder für die Werkschau 2019 mit den Kuratorinnen und Kuratoren der Kunsthalle Arbon, dem Kunstmuseum Thurgau, dem Kunstraum Kreuzlingen und dem Shed in Frauenfeld. Auch war es schön zu sehen, wie Dinge wachsen und sich entwickeln – ich denke da etwa an das Haus zur Glocke von Judit Villiger in Steckborn. Es gibt gute und lebendige Institutionen im Thurgau, die ich vor meiner Zeit bei der Kulturstiftung nicht so wahrgenommen habe. Die Szene hier ist viel vielfältiger als ich es vermutet hatte.“

In ihren vier Jahren im Thurgau hat Dal Molin durchaus Spuren hinterlassen. Vor allem im Bereich der Bildenden Kunst. Mit grosser Leidenschaft hat sie sich diesen Themen gewidmet, mit anderen Projekten der Kulturstiftung wie den Frauenfelder Lyriktagen dem Festival „tanz:now“ schien sie von aussen betrachtet nicht im gleichen Mass warm geworden zu sein. Wobei zur Wahrheit hier auch gehört: Mit einem 60-Prozent-Pensum, wie es die Stelle bei der Kulturstiftung vorsieht, kann man nicht alle Sparten gleichmässig abdecken, da ist man zur Schwerpunktsetzung gezwungen. 

Sie hat einer jungen Generation Kunstschaffender den Zugang erleichtert

Die Profilierung der Werkschau Thurgau wird jedenfalls mit Dal Molins Namen verbunden bleiben. Zentral dabei war, dass sie die Eintrittskarte für Künstlerinnen und Künstler zu der kantonalen Werkschau, nämlich jenen Thurgau-Bezug, erweitert, ihre Kritiker würden wohl sagen, aufgeweicht hat. Bereits vor ihrer Zeit war die Werkschau offen für Kunstschaffende, die nicht mehr im Thurgau ansässig sind, aber Dal Molin hat mit ihrem klaren Blick für spannende Kunst dafür gesorgt, dass nicht allein die aktuelle geographische Verortung eines Künstlers, einer Künstlerin, den Ausschlag gibt, sondern vor allem die Qualität der Arbeit. Wohl auch deshalb begleitet die Werkschau Thurgau von Anfang der Vorwurf, im Kanton arbeitende und lebende Künstler zu vernachlässigen.

Man kann das so sehen. Aber unter dem Strich muss man doch festhalten: Diese Öffnung hat der Werkschau gut getan. Ohne sie wäre eine ganze Generation junger Kunstschaffender, all jene, die den Kanton für ein Kunststudium verliessen und nicht zurückkehrten, bei der Werkschau mutmasslich nicht vertreten. 

„Nicht jede Ablehnung eines Werkes taugt dazu, die grosse Gerechtigkeitsfrage zu stellen.“

Gioia Dal Molin (Bild: Sascha Erni)

Dal Molin weiss um die vertrackte Lage von Institutionen und Jurys, die Entscheidungen treffen müssen. Sie hat 2014 mit einer Arbeit über die öffentliche und private Förderung der bildenden Kunst in der Schweiz zwischen 1950 und 1980 an der Uni Zürich promoviert. „Die Kunst ist wie die meisten anderen gesellschaftlichen Felder auch kompetitiv angelegt. Und in dem Sinne kann es immer Leute geben, die sich ungerecht behandelt fühlen. Aber: Nicht jede Ablehnung eines Werkes taugt dazu die grosse Gerechtigkeitsfrage zu stellen. Aber trotzdem bleibt die allgemeine Diagnose, dass es Ungerechtigkeit in der Kunst gibt, richtig“, sagte sie beispielsweise in einem Interview, das wir im Februar dieses Jahres publiziert haben.

Feministin auf dem Feld der Kunst 

Unter dem Stichwort Gerechtigkeit versteht die Kunstwissenschaftlerin vor allem Genderfragen. Dal Molin hat sich in ihrem Job immer auch als Frauenförderin gesehen und beispielsweise für eine Frauenquote im Kunstbetrieb stark gemacht. „Meine feministische Haltung im Feld der Kunst sehe ich darin“, schrieb sie auf Nachfrage von thurgaukultur.ch im Oktober 2018, „dass ich im Reden und Schreiben über die Themen eine Sensibilität schaffen kann. Und dass wir uns als Frauen, die in diesem Bereich arbeiten, gegenseitig unterstützen und unsere eigenen Netzwerke bilden. Wenn ich gebeten werde, KünstlerInnen für einen Preis vorzuschlagen, schlage ich in der Regel Frauen vor, ebenso wenn ich irgendwo eine Jobempfehlung abgeben muss. In meiner eigenen kuratorischen Arbeit gucke ich, dass Künstlerinnen immer mindestens die Hälfte der TeilnehmerInnen ausmachen.“

Tatsächlich ist es ihr auf diese Weise gelungen, vor allem jungen Künstlerinnen wie beispielsweise Sarah Hugentobler, Sara Widmer (vom Kollektiv CKÖ), Sonja Lippuner oder Olga Titus mehr Sichtbarkeit zu verleihen. Dal Molins Nachfolger bei der Kulturstiftung ist nun ein Mann - der Kunstvermittler Stefan Wagner - und man darf gespannt sein, welche Schwerpunkte er setzen wird. Gioia Dal Molin gewinnt dem Wechsel auch für die Kulturstiftung positive Seiten ab: „Es ist nach vier Jahren auch gar nicht so schlecht, dass nochmal jemand mit einem frischen Blick auf die Dinge schaut.“

Kurzvita von Gioia Dal Molin

Gioia Dal Molin (*1981) hat an der Universität Zürich Allgemeine Geschichte, Kunstgeschichte und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft studiert und danach ein wissenschaftliches Volontariat am Kunstmuseum Luzern absolviert. 2014 promovierte sie ebenfalls an der Universität Zürich mit einer Arbeit über die öffentliche und private Förderung der bildenden Kunst in der Schweiz zwischen 1950 und 1980. Seit Herbst 2015 war sie als Beauftragte für die Kulturstiftung des Kantons Thurgau tätig. Daneben ist sie Kuratorin des Zürcher Ausstellungs- und Gesprächsformates Le Foyer und der BINZ39 und schreibt als freie Autorin über zeitgenössische Kunst. Zum 1. Januar 2020 übernimmt sie die künstlerische Leitung des Istituto Svizzero in Rom.

 

 

 

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