von Bettina Schnerr, 12.05.2021

Wie Napoleon I. die Bodenseeregion prägte – obwohl er nie nie dort war

Wie Napoleon I. die Bodenseeregion prägte – obwohl er nie nie dort war
Carl von Steuben setzte den Tod Napleons auf St. Helena nach Rücksprache mit Augenzeugen als Ölgemälde um. Das Original leiht der Arenenberg während des Napoleonjahrs an Frankreich aus. | © Napoleonmuseum Thurgau

Er prägte den Thurgau und angrenzende Regionen, obwohl er nie einen Fuss hierher gesetzt hatte: Napoleon I. Vor 200 Jahren starb der verjagte Regent im Exil auf St. Helena und mit seinem Tod begann der Aufbau einer Legende, die sein Image bis heute prägt. Eine neue Sonderausstellung im Napoleonmusuem Thurgau widmet sich jetzt dem ehemaligen Kaiser der Franzosen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

«Was hat Kaiser Napoleon I. mit Arenenberg zu tun, wenn er doch nie hier gewesen war?» Dominik Gügel, Direktor des Napoleonmuseums, wirft eine jener Fragen auf, die sinngemäss mit einem grossen Aber weitergehen: «Teile der Arenenberger Geschichte sind eine logische Folge seiner Verbannung. Hier wurden massgebliche Teile seines heutigen Images mitgestaltet.» Die Sonderausstellung «1821 Napoleons Ende: St. Helena, Arenenberg und die Geburt einer Legende» widmet sich nun diesen Aspekten.

Schlachten, Grenzverläufe und politische Visionen

Dazu gehören, als Grundlage sozusagen, all die politischen Einflüsse, die Frankreichs Politik auf die gesamte Bodenseeregion hatte. Hier fanden einige der blutigsten Schlachten der so genannten Napoleonischen Kriege statt. Die Leute der Region litten sehr unter den Feldzügen, denn die durchziehenden Heere hinterliessen selbst dann eine Spur der Verwüstung, wenn sie nicht kämpften.

Gügel erinnert sich, wie er als Kind beim Spielen die alten Kugeln der Musketen aus den Feldern geholt hat. «Das Geschehen ist auf gewisse Weise sehr präsent, wenngleich die Menschen das damit verbundene Leid so schnell wie möglich wieder vergessen wollten.»

Mit dieser Zeit verbunden sind auch Festlegungen von teils verwirrenden Grenzverläufen und Überlegungen zur Gestaltung der Schweiz, die damals noch im Entstehen war. «In Frankreich spielte man unter anderem mit dem Gedanken eines Königreichs Helvetien,» erzählt Gügel. «Napoleons Schwägerin Hortense war möglicherweise als Monarchin für dieses Konstrukt vorgesehen. Jene Hortense, die 1817 Arenenberg für ihr eigenes Exil gekauft hatte.»

Die drei Köpfe hinter der Sonderausstellung: Kuratorin Christina Egli, Dominik Gügel, Direktor des Napoleonmuseums und Szenografin Eliane Huber vor der vergrösserten Replik des Steuben-Gemäldes, das Napoleons Tod auf St. Helena zeigt. Bild: Bettina Schnerr

 

Arenenberg wird zum Zentrum eines Napoleon-Kults

Mit dem Tod Napoleons I. auf St. Helena, einer abgelegenen Vulkaninsel zwischen Angola und Brasilien, wurde der Arenenberg politisch interessant. Denn die Söhne von Hortense, Stieftochter und Schwägerin von Napoleon I., galten als die einzig realistischen Nachfolger des Kaisers. Hortense gestaltete den Wohnsitz in den folgenden Jahren mit zahlreichen Erinnerungsstücken bewusst zu einem Erinnerungsort und inszenierte sich als Erbin des Herrschers.

Zugleich bereitete sie ihren jüngsten Sohn darauf vor, die Nachfolge des berühmten Onkels anzutreten. In diesen Jahren tummelten sich regelmässig Spione in der Region (üblicherweise mit wenig Erfolg), denn die Franzosen schätzten die politischen Ambitionen der Familie Bonaparte richtig ein und wollten sie unter Kontrolle halten.

Die Kopie einer Kopie

Familie Bonaparte verstand ihre Kaiser als legitime Nachfolger Karls des Grossen und legte in ihren Ambitionen gezielt eine sehr hohe Messlatte. Hortense legte unter anderem eine Kopie des Napoleon-Grabes auf St. Helena an, eine schlichte Grabplatte unter einer Trauerweide, der „Saule de Sainte-Hélène“.

Zur Sonderausstellung installierte das Napoleonmuseum eine Kopie dieser Kopie, denn Hortenses Werk, sollte es noch exisiteren, liegt unter Rebstöcken und viel Erde verborgen und die finale Suche danach wird noch einige Zeit brauchen.

Beliebt und echt: Medaillons mit Haaren Napoleons. Dank der Echtheit konnte der Arenenberg Forscher bei der Untersuchung von Napoleons Krankheitsgeschichte und Todesursache unterstützen. Bild: Napoleonmuseum Thurgau
Geschenk für den jüngsten Napoleon-Bruder: Ein Stück Grabstein von St. Helena. Bild: Napoleonmuseum Thurgau

Verehrungs- und Personenkult vom Feinsten

Zentrales Ausstellungsstück ist die «Krypta» im Prinzenflügel des Gebäudeensembles: Ein grosser gläserner Kasten wirkt als «Sarkophag» und nimmt ganz besondere Exponate auf. Dominiert wird der Raum von einem faltbaren Feldbett, wie es Napoleon auf Feldzügen mitnahm und es könnte just jenes sein, in dem er gestorben sein soll.

«Napoleon wurde sehr verehrt und um ihn herum entstand ein regelrechter Reliquienkult,» erklärt Christina Egli, Kuratorin und wissenschaftliche Leiterin des Napoleonmuseums. «In unserer Sammlung zeigen wir eine Vielzahl dieser Andenken, die heute teilweise kurios anmuten.» So einiges hat das Museum in den eigenen Schränken, denn bereits Hortense besass spezielle Vitrinenschränke. Sie richtete ein «Napoleonmuseum» ein, lange bevor das heutige Museum gestiftet wurde.

«Hier wurden bewusst Parallelen zur Verehrung von Jesus Christus gezogen,» berichtet Egli. «Tatsächlich ist es so, dass nur über Jesus Christus mehr veröffentlicht wurde als über Napoleon.» Sie rechnet vor: «Umgerechnet bedeutet das ungefähr ein Buch pro Tag, gerechnet seit dem Todesjahr.»

Das Geschäft mit den Andenken

In jener Zeit total in Mode waren Totenmasken und Kopien von Napoleons Maske verbreiteten sich vielfach in Europa. «Für den Arzt, der damals das Original nach Europa brachte, war das ein richtig gutes Geschäft,» weiss Napoleon-Expertin Egli.

Während die Totenmaske eine Nachbildung ist (das Original war ziemlich brüchig, da es auf St. Helena keinen Lehm oder ähnlich gut brauchbare Materialien gab), sind die Haarlocken definitiv echt. Mit ihnen wurden viele Medaillons angefertigt und auf testamentarischen Wunsch von Napoleon verteilt.

Verehrer scheuten auch nicht die 9-wöchige Schifffahrt

In die Sparte Kurioses fallen beispielsweise die Zweige einer Zypresse, an die Napoleon einmal sein Pferd angebunden hatte, oder eine Flasche mit Wasser aus einer Quelle, aus der sich auch der Ex-Kaiser erfrischt hatte.

Verehrer, die eigens die neunwöchige Schifffahrt zur Insel auf sich nahmen, brachten Mauerbrocken und Splitter der Dachbalken aus dem Sterbezimmer mit, Brocken der Grabplatte und Stücke eines Wachhäuschens, das die Grabstätte eigentlich vor Reliquienhändlern schützen sollte. Verkaufen liess sich praktisch alles, was sich auch nur entfernt mit dem verstorbenen Kaiser in Verbindung bringen liess.

Kuriose Andenken: Zypressenzweige von einem Baum, an dem Napoleon sein Pferd angebunden haben soll, sowie eine 200 Jahre alte Flasche mit Quellwasser von St. Helena, „leider geöffnet“, bedauert Kuratorin Christina Egli. Bild: Bettina Schnerr

Die Sache mit der Tapete

Eines dieser Kuriosa erhält eine besondere Ehre: Hartnäckige Napoleon-Verehrer rupften gar die Tapete von den Wänden und eines der auf Arenenberg erhaltenen Fragmente verleiht mit seinem Ornamentenmuster der aktuellen Ausstellung das Leitmotiv für Dekoration und Wegführung.

Während die Tapete auf St. Helena die Zeit nicht überdauerte, konnte sie inzwischen dank des Arenenberger Fragments rekonstruiert werden.

Abgerupfte, kaiserliche Tapete: Ein zwar fragwürdiger Brauch unter zeitgenössischen Andenkenjägern, aber wenigstens einer, der spätere Rekonstruktionen ermöglichte. Bild: Bettina Schnerr


Dezent im Hintergrund hält sich das Ornament auf der Vergrösserung eines Ölgemäldes, das den Moment des kaiserlichen Todes darstellt. Das Format wurde bewusst so gewählt, dass sich BesucherInnen illusionistisch in die Szene hineindenken und Details studieren können.

In ihrem Rücken finden die BetrachterInnen dann ein Detail, das, wenn man so will, den Beginn der Verehrung symbolisch festlegt: Napoleon I. starb am 5.5.1821 um 17:49 Uhr. Auf St. Helena hielt man daraufhin die Uhren an. Auf Arenenberg spiegelte man diesen Akt: Die kleine Standuhr zeigt seit 1821 unverändert diese eine Uhrzeit.  

Eine Lithografie zeigt Napoleon in seinem Exil auf der Vulkaninsel als Gärtner. Bild: Napoleonmuseum Thurgau

 

Die Ausstellung

1821 Napoleons Ende: St. Helena, Arenenberg und die Geburt einer Legende

Die Sonderausstellung ist vom 10. Mai bis 24. Oktober 2021 auf dem Arenenberg zu sehen.

 

www.napoleonmuseum.tg.ch

 

Die Sonderausstellung des Napoleonmuseums Thurgau ist Teil eines internationalen Kooperationsprojektes anlässlich des Anée Napoléon, an dem sich mehr als 30 Museen, Archive und Institutionen beteiligen. Koordiniert wird es von der Fondation Napoléon, Paris. Die diesjährige Präsentation wird 2023 fortgesetzt mit einer Ausstellung, die sich um die Thronbesteigung durch Louis Napoleon und dessen 150. Todesjahr drehen wird.

Ein besonderer Wein

Das Arenenberger Weingut komponierte zum Napoleonjahr die Cuvée «Tombeau de Napoléon». Der Rotwein geht vom Jahrgang 2018 aus und ist Barrique-Ausbau aus 100% Schweizer Eiche. Erhältlich sind 600 nummerierte Flaschen.

 

Kellermeister Peter Mössner und Peter Zadravec, Leiter des Besucherservices, stellen die Cuvée «Tombeau de Napoléon» vor, eine Komposition auf Basis von Pinot Noir, verfeinert mit Regent, Léon Millot und Maréchal Foch und zu 100% im Barrique ausgebaut. Bild: Bettina Schnerr

 

 

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