von Judith Schuck, 07.03.2022

Kellergewächse

Kellergewächse
Andrea Vogel, frisch gebackende Konstanzer Kunstpreisträgerin, überraschte zur Vernissage im Tankkeller mit einer Performance, für die sie mit ihrer Körperhaltung die Architektur einer Wandnische imitierte – wie anstrengend doch Anpassung sein kann! | © Judith Schuck

Was für ein Spektakel: Der «Tankkeller» in Egnach ist eröffnet. Bis zum 28. Mai zeigen Künstler:innen ihre Werke im Keller der ehemaligen Mosterei. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Der Andrang zur Vernissage war gross, das Engagement des Vereins Kerngehäuse, der den ehemaligen Tankkeller der Mosterei auf dem Thurella Areal zwischennutzt, hoch.

Bis zum 28. Mai gibt es hier Kunst von elf Künstler:innen zu sehen, von Video-, Lichtinstallationen, Fotografien oder Objekten über Malerei, textile Arbeiten und Klangkunst.

Rahmenprogramm findet ausserdem ebenerdig statt in Form von Konzerten und Lesungen im, in denkmalgeschützten Räumen eingerichteten, Bistro.

 

Pascal Leuthold und Andrin Uetz heissen die Besucher:innen im Tankkeller willkommen. Bild: Judith Schuck

Andrea Vogel startet mit Äpfeln

Wer das Backsteingebäude in nächster Nähe zum Egnacher Bahnhof betritt wird gleich von der Videoprojektion „Megabite“ der St. Galler Künstlerin Andrea Vogel empfangen. Die Künstlerin sitzt mit roten Stöckelschuhen im Spreizsitz auf dem Boden, zwischen den Beinen einen Riesenberg roter, wohlgeformter Äpfel. Gelangweilt arbeitet sie sich durch diese Masse und beisst überall mal rein, um den Apfel gleich darauf wegzuschmeissen.

Die Überbleibsel dieser Apfelorgie sind im Keller zu sehen, im ehemaligen Lagerraum für toxische Reinungsmittel. Hier faulen die angeknabberten Früchte langsam vor sich hin. Vogel erhielt eben erst den Konstanzer Kunstpreis. Zur Vernissage überraschte sie das Publikum mit einer Performance, für die sie mit ihrer Körperhaltung die Architektur einer Wandnische imitierte – wie anstrengend doch Anpassung sein kann!

 

Inspirierende Katakomben

Eigentlich sei es nichts Neues für die Kunst, alte Gebäude zu bespielen, sagte Adrian Bleisch bei der Eröffnung. Der Arboner Galerist ist Mitglied des Vereins Kerngehäuse. „Aber die Überraschung war gross. Als die eingeladenen Künstler:innen in die Katakomben kamen, haben alle zugesagt.“ Von da an wurde ausprobiert und getüftelt.

Heraus kam eine eindrucksvolle Kunstausstellung, die sich auf vielseitige Weise mit der Geschichte und den Gegebenheiten des Gebäudes auseinandersetzt. War doch die Verarbeitung von Äpfeln und Birnen lange Zeit prägend für die Gemeinde zwischen Romanshorn und Rorschach; die Mosterei soll nach ihrer Stilllegung bald überbaut werden.

 

Max Bottinis Garten Eden. Bild: Judith Schuck

Ein Denkmal, das seines Gleichen sucht

Kerngehäuse und die beteiligten Kulturschaffenden setzen auf dem Thurella Areal nun mit der „Kunsthalle“ Tankkeller ein Denkmal, das seines Gleichen sucht.

Max Bottini stellt seine Installation des Garten Edens Lucas Cranachs Gemälde „Adam und Eva“ aus dem Mittelalter gegenüber. Bottinis Apfelbaum ragt durch die Kellerdecke nach draussen. Mit Kunstrasen und Schleichtieren schaffte er eine Mischung aus Paradiesgarten und Arche Noah, aus der der Baum entspriesst.

„Wäre die Welt eine andere?“ fragt er die Betrachter:innen und lädt dazu ein, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu versuchen. Eine Welt ohne Urschuld? Eine Welt ohne Wissenschaft und autarkes Denken und Handeln?

Wenn Stahltanks klingen

13 Stahltanks mit 15 Metern Tiefe befinden sich in Andy Guhls „Schallhall“. Es klopft und hallt und tönt durch die Beteiligung der Besucher:innen. „In jedem Tank befindet sich ein Teil meines Instrumentariums“, erklärt der Soundkünstler, der zu dem Gründern der experimentellen elektronischen Musik gehört.

Sein Lieblingstank ist die Nummer 13. Darin wartet eine Plasmakugel darauf, dass ihre elektromagnetischen Wellen via Radiofrequenzen zum Klingen gebracht werden. Guhl beschreibt die Interaktion der elektromagnetischen Felder als knackende, modulierende Geräusche.

 

Die Opfer des Strassenverkehrs

Das Malerduo Boskovic-Scarth setzt sich auf ironische Weise mit den Opfern des Strassenverkehrs auseinander. Beim Transport von der Plantage zum Verarbeitungsort dürften einige Tiere unter die Räder geraten sein.

In Wand- und Bodenmalereien, auf Leinwand, Papier und Karton finden sich eine Vielzahl dieser zerquetschten Leichen. Eichhörnchen, Insekten, Maulwurf, um nur einige zu nennen. Zu jedem Opfer gesellt sich ein Geist.

 

Das Maler-Duo Boscovic-Scarth beschäftigt sich mit Tierleichen auf unseren Strassen. Bild: Judith Schuck

Geschichte, Geruch und Geräusche

Die vielseitige Züricher Künstlerin Co Gründler stammt ursprünglich aus der Gegend von Egnach. Ihre 30 Meter langen Stoffbahnen, die von der Kellerdecke fliessen, bemalte sie vor Ort, im Tankkeller. Dafür liess sie sich von den Farben und der Geschichte des Kellers inspirieren. Ausserdem setzt sie sich mit dem Aussterben alter Apfelsorten auseinander in Form eines Audiobeitrags und Keramiken, die sie in einer Tanknische platziert.

Susanne Hefti, geboren in Münsterlingen, forscht an der ETH Zürich am Institut für Geschichten und Theorie der Architektur. Sie zeigt uns in einer umfangreichen Recherche verschiedene Blickwinkel auf den Apfel, als Lifestyle- oder Vermarktungsprodukt, das einen Rattenschwanz hinter sich herzieht: von der Krönung der Apfelkönigin bis zum Umgang mit Schädlingen.

Kulturpreisträgerin Simone Kappeler ist auch dabei

Die Frauenfelder Fotografin Simone Kappeler, erst kürzlich mit dem Thurgauer Kulturpreis ausgezeichnet, setzt sich schon seit geraumer Zeit mit Hochstammbirnbäumen auseinander. Im Tankkeller sind diese „Urwesen“ zu verschiedenen Jahreszeiten zu sehen. Mal in Ultravioletttönen, wie sie die Bienen wahrnehmen, mal in Rot-Orange, als ob sie in loderndem Brand stehen.

Jan Kaeser spricht im ehemaligen Schnapslager die olfaktorische Eben an: hier riecht es nach Bienenwachs. Ohnen Bienen keine Befruchtung und damit keine Frucht. Der Geruch stammt von Kerzen, die dem Schnapsraum eine eher okkulte Atmosphäre verschaffen – vielleicht zur Huldigung des Schnapsgeistes?

 

Keramiken von Co Gründler im Tankkeller. Bild: Judith Schuck

Psychedelisches kommt von Olga Titus

Wie Kaleidoskope wirken die psychedelischen Videos von Olga Titus, die aus den runden Öffnungen der Tanks ausstrahlen. Vielleicht ein Schmetterling, der sich an einem reifen Apfel labt? Die Textil- und Videokünstlerin überlässt die Interpretation der subjektiven Wahrnehmung der Rezipient:innen.

Urs Burger aus St. Gallen passte seine Neonröhren den Gegenbenheiten des Gärkellers an und richtet sich bei der Installation seiner bunt-leuchtenden Objekte nach der räumlichen Aufteilung des Raumes, wie den kreisrunden Abdrücke, die die Gärkessel auf dem Betonboden hinterliessen.

 

Urs Burger zeigt Neon im Gärkeller. Bild: Judith Schuck

Stefan Philippi bietet Ohrenkino

Mit Stefan Philippi gibt es einen weiteren Klangkünstler in der Ausstellung. „Ohrenkino“ nennt er seine Installation. Seine Instrumente bestehen aus Alu, Messing und Stahl, sie machen Tropfgeräusche, zwitschern, scheppern, rasseln und klingeln. Philippi bezeichnet sich selbt als Volkskünstler. „Ich arbeite mit Pentatonik und Naturtönen. Hier mache ich eine imaginäre Volksmusik.“

Auch sie setzt sich mit dem Apfel auseinander. Mit den Vögeln, die in den Ästen zwitschern, dem Schütteln der Bäume zur Ernte, dem Auspressen des Saftes. Und anhand seiner Rorschach-Figuren, ebenfalls klingende Objekte, spielt er mit den Schachfiguren wie Läufer und Bauern und vor allem der Apfelkönigin, der eine Huldigung für einen Tag widerfährt.

Avantgarde und Vereine zusammenbringen

Pascal Leuthold, Präsident des Vereins Kerngehäuse, ruft dazu auf, die Ausstellung und das Gebäude mit einem neugierigen Streifzug zu durchforschen, mit allen Sinnen, Luftzüge, die Gerüche der Mosterei, die Farben und Formen aufzunehmen.

Veranstaltungsleiter Andrin Uetz ermuntert die Vernissagebesucher:innen, wiederzukommen: „Jedes Wochenende haben wir mindestens zwei Veranstaltungen von einer grossen Bandbreite.“ Ob der Männerchor von Egnach, Sinfonisches Orchester, Popkonzerte, Thrash-Metal oder Lesungen. „Uns ist es wichtig, Avantgarde und Vereinskultur zu verbinden.“

„Krieg entsteht, wenn Menschen nicht zusammenkommen. Wir versuchen die Menschen hier zu verbinden.“

Andrin Uetz, Programmmacher beim Tankkeller Egnach

Und im Hinblick auf die jüngsten Geschehnisse in der Ukraine: „Krieg entsteht, wenn Menschen nicht zusammenkommen. Wir versuchen die Menschen hier zu verbinden.“

Pascal Leuthold unterstreicht, dass dieses Zusammenkommen bereits beim Aufbau funktioniert habe: Die Gemeinde Egnach und die Kulturstiftung Thurgau fungieren als Partner, doch Sponsoren und vor allem regionale Manpower hätten das Projekt gestützt. „Es ist faszinierend, wie gut das funktionierte, dass alle zusammen gewirkt haben.“

 

Link: Das gesamte Programm zum Tankkeller gibt’s auf der Homepage des Festivals.

 

 

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