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von Inka Grabowsky, 23.08.2022

Vom Leben an der Grenze

Vom Leben an der Grenze
Neu im Museum: Der zukünftige Leiter des Museums Rosenegg, David Bruder, begegnet dem virtuellen Peter Wenk. An der digitalen Überarbeitung der Dauerausstellung «hüben und drüben» hat er bereits mitgewirkt. | © Inka Grabowsky

Das Rosenegg-Museum in Kreuzlingen hat mit Hilfe eines Transformationsprojekts seine Grenzausstellung «Hüben und Drüben» aufgefrischt.  Zehn Schauspieler:innen erzählen jetzt Geschichte(n). (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

«Wir wollen für Schulklassen, Touristen und Besucher sowohl aus Kreuzlingen als auch aus Konstanz noch attraktiver werden», sagt Museumsleiterin Yvonne Istas, die vergangenen Herbst beim kantonalen Kulturamt das Konzept zur Wiedergewinnung des Publikums und zur Erweiterung des Museums in den digitalen Raum eingereicht hat.

Das Ziel damals: «Unsere Ausstellung ‹Hüben und Drüben› ist eigentlich ein echtes Highlight, aber sie war technisch in die Jahre gekommen und wurde oft vergessen. Das wird sich jetzt ändern.»

 

Verabschiedet sich mit der Überarbeitung der Dauerausstellung aus Kreuzlingen: die bisherige Museumsleiterin Yvonne Istas. Sie ist vom Raum mit dem ehemaligen Grenzzaum immer noch berührt. Schauspieler Tomasz Robak erzählt hier Geschichten von seinen fiktiven Grenzüberschreitungen. Bild: Inka Grabowsky

Fakten vermitteln mit Hilfe von Fiktion

Kernstück der digitalen Erweiterung der Schau sind zehn je vier Minuten lange Videofilme, die in jedem der zehn Räume im ehemaligen Luftschutzbunker unter der Rosenegg auf grossen Bildschirmen laufen.

Zehn Schauspieler:innen erzählen darin fiktive autobiografische Geschichten, die mit dem Thema des jeweiligen Raums zu tun haben.

Alte Bekannte erzählen Grenzgeschichten

Die Besucher:innen treffen auf alte Bekannte: Lilli Stuhlmann sorgt für die Begrüssung, Kabarettist Thomas Götz erzählt – für einmal nicht satirisch – vom Einkaufstourismus. Peter Wenk , der Leiter der integrativen Theatergruppe Comedy Express, tritt im Technikraum des Bunkers auf.

Und Astrid Keller vom See-Burgtheater verkörpert eine Frau, die sich erinnert, wie sich ihre Grosseltern in den vierziger Jahren beim grenzüberschreitenden Eislaufen zwischen Konstanz und Kreuzlingen kennengelernt haben.

Aus dem bestehenden oder früheren Ensemble des Konstanzer Stadttheaters stammen vier weitere Schauspieler. Jana Alexia Rödiger beispielsweise stellt eine Sprachwissenschaftlerin aus Norddeutschland dar, die über die Dialekte diesseits und jenseits der Grenze referiert.

 

Till Schneider lässt sich von Thomas Götz zum Thema Einkaufstourismus informieren. Bild: Inka Grabowsky

Der neue Rosenegg-Leiter David Bruder hat bereits mitgearbeitet

Verfasst hat die Texte der Konstanzer Historiker und Autor David Bruder. «Ich habe schon zwei Ausstellungen zur Grenze kuratiert – ‹Grenzgeschichten› und ‹An die Grenze kommen›, insofern war ich im Thema», sagt er. «Aber Skripte für Schauspieler habe ich noch nie zuvor geschrieben. Das hat Spass gemacht.»

Demnächst wird er sich noch intensiver mit der Kreuzlinger Stadtgeschichte befassen. Bruder wird nach dem Abschied von Yvonne Istas neuer Museumsleiter in der Rosenegg.

Sichtbar im öffentlichen Raum

Die Erzählungen werden durch Bilder von historisch bedeutsamen Gegenständen oder Drohnen-Aufnahmen aus der Vogelperspektive ergänzt. Im Hintergrund ist jeweils die Stelle in Konstanz oder Kreuzlingen zu sehen, mit der die Geschichte verknüpft ist.

«Der Hintergrund ist austauschbar, die Schauspieler standen vor einem Greenscreen», erklärt der Tägerwiler Till Schneider, der mit seinem Unternehmen Inlume für die technische Umsetzung zuständig war.

Im Herbst sollen an den historischen Bezugspunkten jeweils Plaketten mit QR-Codes angebracht werden, mit deren Hilfe man dann vor Ort die Videos aus der Ausstellung im Internet betrachten kann. «Das soll auch auf die Rosenegg neugierig machen», sagt Yvonne Istas. «Wir verbinden die digitale und die analoge Museumswelt.»

 

Im Akustikkegel unter den Lautsprecher braucht man keine Kopfhörer. Der Film startet, sobald man den Bewegungsmelder aktiviert hat. Bild: Inka Grabowsky

Innovationsschub durch die Pandemie

Bei der Philippe-Mahler-Ausstellung im Frühjahr 2021, die pandemiebedingt weitgehend online stattfinden musste, hatte die Rosenegg noch den gesamten Internetauftritt selbst verantwortet – die Bildergalerie etwa oder eine gefilmte Tour durch die Räume.

«Till Schneider kam danach auf uns zu und erklärte, wie man digitale Museumsbesuche noch spektakulärer gestalten könnte», erzählt Istas. «Für eine Wechselausstellung wäre uns das zu teuer, aber für das Modernisieren der Dauerausstellung können wir uns das leisten.»

Entscheidend bei der Finanzierung – neben der Arbeit der Kuratoren, Schauspieler, Kameraleute und Programmierer sind auch Bildschirme und Audioanlagen zu bezahlen – ist die 80-prozentige Kostenübernahme des Kantons aus dem Transformationsprojekt-Fonds.

Rund 100.000 Franken übernimmt also der Thurgau. 20.000 Franken sollen über Sponsoren eingeworben werden.

Jetzt auch flächendeckendes WLAN im Haus

Damit Besucher mit ihren Smartphones tatsächlich QR-Codes nutzen können, musste die Rosenegg mit einem flächendeckenden WLAN ausgestattet werden - eine willkommene Nebenwirkung, die mutmasslich nicht nur Schüler bei ihren Museumsbesuchen schätzen werden.

«Wir haben ausserdem die Akustik verbessert», so Istas. «Man hört per Kopfhörer oder innerhalb eines Akustikkegels. Und durch die grossen leuchtenden Bildschirme haben wir quasi Fenster in die Aussenwelt geschaffen. Die Schauspieler, die sich direkt an die Betrachter wenden, vermitteln das Gefühl, nicht allein im alten Bunker zu sein. Durch die Erweiterung die Atmosphäre im Keller viel freundlicher geworden.»

 

Astrid Keller erzählt eine vermeintlich autobiografische Familien-Geschichte aus der Kriegszeit. Bild: Inka Grabowsky

 

Die Öffnungszeiten

Das Museum Rosenegg ist mittwochs von 17 bis 19 Uhr sowie freitags und sonntags von 14 bis 17.00 Uhr geöffnet. Für die Betreuung der Besucher sind ehrenamtliche Mitarbeitende zuständig. Das Team sucht noch Verstärkung. info@museumrosenegg.ch

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